Interview mit Dr. Landa

Krampfadern - Kein Schönheitsfehler

Besenreiser und Krampfadern haben sich zu einer Volkskrankheit
(3-4 Mio. in Deutschland) entwickelt. Bereits jede zweite Frau und
jeder vierte Mann in Deutschland leiden mehr oder weniger stark
unter Beschwerden dieser Art.
Jeder achte Erwachsene hat eine fortgeschrittene Venenerkrank-
ung und über eine Millionen Menschen müssen sich wegen offener
Beine behandeln lassen.

Nach den Ursachen dieser Probleme, den Möglichkeiten zur Vor-
beugung und Behandlung haben wir den Gefäßchirurgen und
Venenspezialisten Dr. V. Landa aus Frankfurt befragt.

 

Herr Dr. Landa, Sie sind Gefäßchirurg und hoch spezialisiert auf dem Gebiet der Venenerkrankungen. Wie kommt es eigentlich zur Störung der Venenfunktion?

Dr. Landa:
Die entscheidende Ursache für Venenleiden ist eine oftmals vererbte Schwäche des Bindegewebes. Um die Funktion der Vene im Organismus zu verstehen, sollte man sich zunächst folgendes vorstellen: Unser Blut wird vom Herzen durch Arterien in jeden Bereich des Körpers gepumpt und muss durch die Venen wieder zum Herzen zurück.
Das bedeutet, dass das Blut durch die Beinvenen hinauf, Richtung Herz, transportiert wird. Dieser Transport wird nicht nur durch das Herz gefördert, sondern besonders durch die Wadenmuskelpumpe.
Funktionsfähige Venenklappen verhindern, dass das Blut durch das Gewicht der ca. 1,5m hohen Blutsäule zurückfließen kann. Dieses System funktioniert jedoch nicht mehr, wenn die Muskelwände der Venen, z.B. aufgrund familiärer Veranlagung, erschlaffen und die Venen sich krankhaft erweitern. Es entstehen oberflächliche und später innerliche Krampfadern. Dadurch gehen die Venenklappen auseinander, schließen nicht mehr ausreichend und sind nicht dicht. In der Folge tritt das Blutwasser durch die Venenwände ins Gewebe aus. Es kommt zur Schwellung und Gewebeentzündung.
Die Haut wird pigmentiert, unelastisch, verdickt, vernarbt und minderdurchblutet und schließlich kommt es zum offenen Bein, Unterschenkelgeschwür.

Unsere Venen sind täglich überbelastet. Wie erklären Sie sich, dass gerade in Deutschland un anderen westlichen Industrieländern die Zahl der Erkrankungen so hoch ist und weiter steigt?

Dr. Landa:
Wir haben es hier mit einer Zivilisationskrankheit zu tun. Die meisten Menschen müssen in ihrem Arbeitsalltag oft stundenlang sitzen oder stehen. Bei zu wenig Bewegung besteht die Gefahr, dass sich die Venen erweitern und zunächst kommt es zum leichten, später zum massiven Rückfluss und Stauung des Blutes mit Gefahr der Bildung von Blutgerinnseln im oberflächlichen oder tiefen Venensystem und sogar zur Lungenembolie.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders häufig von Venenleiden betroffen sind?

Dr. Landa:
Personen mit Übergewicht, stehendem Beruf und besonders schwangere Frauen sind Krampfadern gefährdet. Das betrifft vor allem die Frauen, die bezüglich der Venenerkrankungen familiär vorbelastet sind. In vielen Fällen gehen die Krampfadern, die sich bei der ersten Schwangerschaft entwickeln, nach der Entbindung zurück. Bei nachfolgenden Schwangerschaften steigt jedoch die Gefahr, dass die Krampfadern auf Dauer bestehen bleiben. Auch bei älteren Menschen erhöht sich durch die zunehmende Erschlaffung des Gewebes und der Haut das Risiko einer Venenerkrankung.

Welche Folgen kann es haben, wenn Krampfadern und Besenreiser nicht rechtzeitig behandelt werden?

Dr. Landa:
Hier muss man zwischen einer Krampfaderbildung an den großen Venenstämmen und der sogenannten netzförmigen Krampfaderbildung unterscheiden.
Krampfadern an den großen Venenstämmen, gruße Hautsammelvene an der Innenseite des Beines und kleine Hautsammelvene an der Wade, die zu 80% vererbt sind, sollen so früh wie möglich operiert werden. Mit rechtzeitiger Operation kann man ein erhöhtes Risiko der tiefen Venenthrombose und dadurch die Gefahr der Lungenembolie, des Stauungsekzems und des offenen Beines vermeiden.
die netzförmige Krampfaderbildung, die sogenannte retikuläre Varikose oder ihre leichteste Form, Besenreiservarikose, betreffen das gesamte Bein und treten fast immer an beiden Beinen auf. Besenreiser, von denen überwiegend Frauen betroffen sind, können verödet werden.

Gibt es Warnzeichen, die auf ein Venenleiden hinweisen?

Dr. Landa:
Typisch für Krampfaderleiden sind Stauungen in den Unterschenkeln und im Knöchelbereich. Parallel zu diesen Stauungen, die als schwere Beine empfunden werden, tritt eine Blau-, Rötlich- oder Braunverfärbung der Haut auf - die äußerlich sichtbare Folge der erweiterten Venen.
Daneben kann es auch oft zu stark juckenden Stauungsekzemen kommen. Werden diese Ekzeme aufgekratzt, entstehen offene Wunden, die sich leicht infizieren können.
Besonders gefährlich wird es dann, wenn tiefe Beinvenen funktionsgeschädigt sind. Dann kann unter Umständen eine Thrombose, Blutpropfbildung, auftreten. Wandert dieses Blutgerinnsel aus den Beinen z.B. in die Lunge, dann kommt es zu einer oft lebensbedrohlichen Lungenembolie.

Welche Methode wendet der Gefäßchirurg bei der Behandlung von Krampfadern an?

Dr. Landa:
Vor der Behandlung erfolgt eine gründliche Untersuchung, besonders mit Ultraschallgeräten, zur Abklärung der zahlreichen Risikofaktoren. Die anschließende Therapie richtet sich natürlich nach dem jeweiligen Einzelfall. Ekzeme und entzündliche Hautbezirke werden durch Salben und Kompressionsverbände behandelt. Das gleiche gilt auch für eine Venenentzündung.
Kleinere Venen, besonders Besenreiser, werden unter Umständen verödet.
Bei Krampfaderbildung
und besonders bei Stammvarikosis ist unbedingt eine frühzeitige Operation angezeigt.
Die operative Behandlung besteht in Ausschaltung der pathologisch erweiterten Stammvenen, der großen Hautsammelvene an der Innenseite des Oberschenkels und der kleinen Hautsammelvene am hinteren Unterschenkel durch STRIPPING. Die Vene wird mit einer Sonde in modernster, sehr schonenden, sogenannten Invaginationstechnik entfernt.
Oder die Stammvene wird zunächst auf 180 Grad Minus vereist und erst danach gestrippt, sogenanntes Kryostripping, eine sehr schonende und kosmetisch hervorragende Methode.
Bei bestimmten ausgewählten Fällen kann die erweiterte Stammvene sogar geschont werden, sogenannte Chiva Methode.
Die Seitenastvarikosis wird in mikrochirurgischer Technik, der sogenannten narbenfreien Miniphlebectomie, ausgeschaltet.
Die sogenannte endoluminale Lasertherapie oder das Ausschalten der Stammvenen mit Ultraschall hat sich immer noch nicht etabliert und die Kosten werden von den Kassen nicht übernommen.
Bei Behandlung von Krampfadern hat sich seit langem die Kompressionstherapie mit Stütz- oder Kompressionsstrümpfen bewährt. Durch das Tragen dieser Strümpfe wird die Muskelvenenpumpe unterstützt und die Venenklappen können besser schließen. Auf diese Weise kann man Stauungen vorbeugen. Die modernen Strümpfe oder Strumpfhosen sind aus hautfreundlichen Materialien und trotz vorgeschriebener Kompressionskraft dünn und in modischen Farben erhältlich. Sie sind nicht mehr vergleichbar mit den sehr dicken sog. Gummistrümpfen von früher. Wichtig für den Erfolg: Sie müssen gut angepasst werden.

Können Sie unseren Lesern einige Tipps und Verhaltensregeln für die Gesunderhaltung der Venen geben?

Dr. Landa:
In erster Linie sollte ein Krampfaderpatient immer für ausreichende Bewegung sorgen. Dies betrifft besonders Venenpatienten mit Steh-, aber auch mit Sitzberufen. Viel Bewegung bewirkt fast immer eine Linderung. Hier empfehlen sich die Sportarten, bei denen die Muskelvenenpumpe aktiviert wird. wie z.B. Radfahren, Schwimmen, Wandern und Skilanglauf.
Venenpatienten sollten, um Schwellungen, Venenentzündungen oder gar tiefen Venenthrombosen vorzubeugen auf lange Auto- und Busfahrten, besonders aber auf Fernflügen, Kompressionsstrümpfe bis zum Knie anziehen.
Positiv wirken auch die Kneipp'schen Wasseranwendungen an den Beinen. Durch die kalten Güsse ziehen sich die Venenwände zusammen, und es kommt zu einem besseren Rückfluss des venösen Blutes zum Herzen.
Dagegensollte der Venenpatient große Hitze meiden, denn hohe Umgebungstemperaturen in südlichen Ländern, Sonnenbaden, warme Thermalbäder und hohe Saunatemperaturen bewirken eine Verschlimmerung der Beschwerden

Herr Dr. Landa,

Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.